Schreiben als Weg zur Selbsterkenntnis gehört für mich zur täglichen Praxis. Denn Schreiben ist so viel mehr, als Wörter nach Wahrscheinlichkeit aneinander zu reihen – also das, was die LLM (Large Language Models), auch bekannt als KIs, fabrizieren. Gerade weil KI sich inzwischen in jeden Lebensbereich zu drängen scheint und das Schreiben damit häufig abgewertet wird, nach dem Motto „Da muss ich mir keinen Kopf mehr machen, das schreibt die KI für mich“, also gerade jetzt ist es vielleicht an der Zeit, mal ein bisschen genauer hinzuschauen.
In diesem Artikel erfährst du mehr über meine persönliche Schreib-Geschichte und was ich daraus gelernt habe. Du lernst ein paar wissenschaftliche Hintergründe kennen, die erklären, wieso Schreiben ein Weg zur Selbsterkenntnis und so heilsam sein kann, gerade für Multitalente. Und ich gebe dir ein paar Tipps, wie du auch dann, wenn Schreiben bisher noch nicht zu deinen Routinen gehört, einen Zugang dazu finden kannst. Denn Schreiben hilft enorm dabei, sich selbst besser zu verstehen und kann dir neue Perspektiven und Einblicke geben.
Schreiben als Weg zur Selbsterkenntnis: kurze Zusammenfassung
- Schreiben ist weit mehr als das Aneinanderreihen von Wörtern und gerade in Zeiten von KI wichtiger denn je
- Schreiben begleitet mich mein ganzes Leben: von Kindheitsgeschichten über Tagebücher bis hin zu Blogs, Newslettern und fünf publizierten Ratgebern
- Die Wissenschaft bestätigt, was ich persönlich erlebe: Expressives Schreiben über eigene Erfahrungen kann die körperliche und psychische Gesundheit messbar verbessern
- Besonders beeindruckend: Wer nach einem Jobverlust täglich über seine tiefsten Gedanken und Gefühle schrieb, fand deutlich schneller eine neue Stelle: 53 % vs. nur 14 % bei denjenigen, die gar nicht schrieben
- Auch in der Poesietherapie zeigt sich: Schreibbasierte Interventionen helfen nachweislich bei PTBS, Depression, Angst und Stress
- Drei einfache Einstiegsübungen: Innere Fragen aufschreiben, Loslassen üben (5 Dinge benennen) und deinen sicheren Ort beschreiben mit allen Sinnen
Schreiben, seit ich denken kann
Schreiben, seit ich denken kann – das ist so ein wunderbar doppeldeutiger Satz:
- Solange ich zurückdenken kann, schreibe ich.
- Seit ich in der Lage bin zu denken, schreibe ich auch.
Beides trifft zu, glaube ich. Natürlich denken Kinder auch schon, bevor sie zu schreiben gelernt haben. Doch das Schreiben hilft dabei, dem Denken Richtung zu geben. Sobald ich schreiben konnte, habe ich Geschichten geschrieben. Um Geschichten schreiben zu können – eigene, originelle, unverwechselbare Geschichten – braucht es einen Anfang und ein Ende. Eine Geschichte wird zur Geschichte erst durch einen roten Faden, der Lesende hindurch führt.
Als Kind wollte ich Schriftstellerin werden. Das schien mir das höchste Ziel: Geschichten zu erfinden, die andere Kinder lesen wollten. Es gab dann einen Bruch in meiner Kindheit, und ich verlor dieses Ziel über viele Jahre aus den Augen.
Aber trotzdem habe ich immer Texte geschrieben, denn es fiel mir leicht: Aufsätze in der Schule, Tagebuch, politische Flugblätter und Seminararbeiten während des Studiums natürlich, und in der Bewertung meiner Diplomarbeit wurde sogar meine „geschliffene Wissenschaftsprosa“ hervorgehoben. Ja, darauf bin ich noch heute stolz 😉.
Ich habe nach dem Studium Pressetexte formuliert, in meiner Selbstständigkeit Websites konzipiert und getextet, Flyer und Claims entwickelt und hunderte von Fachartikeln geschrieben. Bereits seit 2006 (!) blogge ich mehr oder weniger regelmäßig, texte Newsletter und Social-Media-Beiträge, und ich habe inzwischen 5 Ratgeber publiziert.
Daneben schreibe ich jeden Morgen auf, was der Tag mir bringen soll – mein Drehbuch für den Tag. Und abends führe ich seit vielen Jahren ein Dankbarkeits-Journal.
Schreiben gehört also zu meinem Leben, ist unverzichtbar, sowohl auf der persönlichen als auch auf der beruflichen Ebene.
Was Schreiben bewirken kann
In den letzten 40 Jahren gab es einige Studien und Untersuchungen, die sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln mit der Wirkung von Schreiben beschäftigten. Ein paar davon möchte ich dir vorstellen, denn die eigene Schreiberfahrung ist das eine, aber die wissenschaftliche Basis dazu ist eben auch interessant und zeigt einige spannende Ansätze:
Pennebaker und Beall (1986)
Pennebaker & Beall (1986) ließen 46 gesunde Studierende zufällig einer von vier Schreibbedingungen zuordnen: Schreiben über banale Themen, über Fakten zu traumatischen Ereignissen, über Gefühle zu traumatischen Ereignissen, oder über beides. Jede Sitzung dauerte 15 Minuten an vier aufeinanderfolgenden Tagen.
Es zeigte sich, dass Teilnehmer*innen, die über sehr persönliche Erfahrungen schrieben, in den sechs Folgemonaten nur halb so häufig zum Arzt gingen wie die Kontrollgruppe. Ist das spannend?
Darauf aufbauend konnten zahlreiche weitere Studien zeigen, dass das expressive Schreiben Heilungsprozesse in Gang setzen kann. Es wirkt sich sowohl auf die körperliche als auch auf die psychische Gesundheit aus: So kann es z. B. dazu beitragen, den Blutdruck zu senken, verbessert die Funktion des Immunsystems und das psychische Wohlbefinden und kann sogar helfen, depressive Symptome zu reduzieren.
Spera, Buhrfeind & Pennebaker (1994)
Besonders bemerkenswert fand ich die Ergebnisse einer Studie zum Thema Jobverlust: Kürzlich entlassene Fachkräfte mittleren Alters, die 20 Minuten täglich an fünf aufeinanderfolgenden Tagen über ihre „tiefsten Gedanken und Gefühle“ zum Jobverlust schrieben, fanden in den nächsten acht Monaten deutlich schneller eine neue Vollzeitstelle (53 %). Bei der Kontrollgruppe, die lediglich über neutrale Themen schrieb, waren es nur noch 24 %, und von denjenigen, die gar nicht schrieben, fanden nur 14 % innerhalb dieses Zeitraums eine neue Stelle.
Das ist doch wirklich beeindruckend und zeigt, wie stärkend es sein kann, sich schreibend mit den Gefühlen auseinanderzusetzen, die krisenhafte Lebensereignisse hervorrufen.
Poesietherapie: Meta-Analyse (2025)
Eine systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse, die PubMed und Google Scholar bis November 2023 durchführte, konnte zeigen, dass poesiebasierte Interventionen erheblich dazu beitragen konnten, Symptome von PTBS (Post-Traumatisches-Belastungs-Syndrom) zu reduzieren. Zudem waren signifikante Verbesserungen bei Depressionen, Angst und Stress zu beobachten.
Wie kannst auch du Schreiben als Weg zur Selbsterkenntnis nutzen?
Wahrscheinlich hast du bereits durch diesen kurzen Überblick die ein oder andere Idee bekommen, die du mal ausprobieren willst. Hier sind einige weitere Impulse, die gerade für Multitalente einen guten Einstieg in Schreiben als Weg zur Selbsterkenntnis bieten können:
Welche Fragen stellt dir das Leben gerade?
Nimm dir 15 Minuten Zeit ohne Ablenkung und schreibe auf, woran du innerlich gerade knabberst. Welche Fragen beschäftigen dich gerade? Und welche Antworten kannst du dem Leben darauf geben?
Achte einmal darauf, wie lebendig dieser innere Dialog ist. Oder bleibt es eher still in dir? Wie erlebst du das? Wie erklärst du dir, wenn es eher ruhig bleibt?
Loslassen
Vielleicht spürst du gerade hier Resonanz, weil du merkst, dass es an der Zeit ist, Gedanken, Menschen oder Dinge loszulassen.
Welche 5 willst du jetzt loslassen? Wofür würde es dich freimachen, wenn du diese 5 jetzt wirklich loslassen könntest? Was würdest du dann angehen?
Schreib einfach drauflos und lass dich überraschen!
Dein sicherer Ort
Manchmal brauchen wir gedanklich einen Ort, an dem wir uns sicher und aufgehoben fühlen. Vielleicht gibt es so einen Ort für dich tatsächlich, oder er existiert nur in deiner Fantasie.
Beschreibe diesen Ort jetzt mit allen Sinnen: Was kannst du sehen, fühlen, riechen, vielleicht auch hören? Was brauchst du, um dich hier so richtig wohlzufühlen, angekommen und sicher zu sein? Wenn du magst, kannst du diesen Ort auch unzugänglich für andere machen …
Hierhin kannst du dich innerlich zurückziehen, wenn es dir im Außen zu viel wird.
Lass mich gerne wissen, ob und was sich möglicherweise verändert hat für dich, wenn du eine dieser Übungen durchgeführt hast. Ich freue mich sehr über deine Erfahrungen.
Einladung zum Gratis-Live-Webinar
Hier lernst du weitere Schreibimpulse kennen, die dir helfen können, Klarheit und Fokus zu finden. Damit sich dein Leben erfüllt und nicht nur voll anfühlt.
Nächster Termin ist am Dienstag, 9. Juni um 12:30 Uhr. Melde dich gerne noch an.
Wie du als Multitalent deinen Fokus findest – ohne deine Vielseitigkeit aufzugeben


Liebe Heide, liebe Schreibcoach-Kollegin,
„Schreiben ist wie küssen mit Worten“, fällt mir beim Lesen deines heilsamen Blogartikels ein.
Und ich fühle bei deinen Zeilen, wie sehr ich das Schreiben in den letzten Wochen vernachlässigt habe.
Danke daher für deine sanfte Erinnerung. Vielleicht hole ich mir gleich ein schönes Journaling-Buch.
Sommerliche, federleichte Grüße nach Lübeck
Ulrike
*das Original-Zitat ist von Daniel Glattauer
Oh, das ist ja auch ein wunderschönes Zitat, liebe Ulrike, danke dafür! Und ja, schöne Journaling-Bücher sind was Wunderbares ☺️.