Wer bist du?

Kreatives Seminarspiel zu den eigenen Stärken

Kürzlich habe ich mal wieder ein paar Seminare rund um die Themen Selbstmarketing mit dem „Nasenfaktor“ geleitet. Ein zentraler Bestandteil dieser Trainings ist immer die Frage nach den eigenen Stärken, denn erst wenn ich diese kenne, kann ich mich und mein Angebot gut verkaufen. Meiner Erfahrung nach fällt es jedoch vielen Menschen schwer, auf Anhieb eine Liste mit mindestens 20 Stärken zu füllen, vor allem dann, wenn man sich zu dem Thema noch nie Gedanken gemacht hat. Die meisten Leute, die ich kenne, können mir zwar auf Anhieb jede Menge dazu sagen, was sie alles nicht können und wo ihre Schwächen liegen. Aber selbstbewusst zu sagen: Das kann ich richtig gut! – diese Ansage fällt vielen wirklich schwer.

Über die Gründe ließe sich nun trefflich spekulieren – an dieser Stelle erwähne ich immer gerne, dass „Eigenlob stimmt!“ wesentlich hilfreicher für das Selbstmarketing ist als „Eigenlob stinkt!“ und dass wir in Deutschland teilweise eine sehr seltsame Bescheidenheitskultur pflegen …

Aber heute möchte ich euch mal mit einem Spiel bekannt machen, das ich kürzlich entdeckt habe und das hilft, etwas unverkrampfter an das Thema „Meine Stärken“ heranzugehen. Das Spiel heißt „Wer bist du?“ und geht so:

  • Jeder Teilnehmer sucht sich einen Partner, bei ungerader Teilnehmerzahl spielt die Trainerin mit (was ich persönlich sehr gerne tue).
  • Partner A fragt Partner B 2 Minuten lang immer wieder „Wer bist du?“
  • Partner B muss darauf antworten mit „Ich bin …“
  • Er darf sich dabei nie wiederholen!
  • Nach 2 Minuten wird gewechselt.
  • Nach weiteren 2 Minuten werden neue Partner gesucht. Man darf sich aber immer noch nicht wiederholen.
  • Nach dem Wechsel gibt es noch eine weitere Runde mit einem fremden Partner.

Erfahrungsgemäß entwickeln die Teilnehmer verschiedene Strategien, um Wiederholungen zu vermeiden:

  • Sie nennen meist zunächst nur Eigenschaften.
  • Sie erwähnen dann auch ihre verschiedenen Rollen.
  • Sie sagen „Ich bin jemand, der/die …“ und können auf diese Weise auch ihre Fähigkeiten und Vorlieben nennen.
  • Sie schwenken um auf Verneinungen: „Ich bin kein …“ bzw. „Ich bin nicht …“ Diese Variante würde ich aber in Zukunft auch noch verbieten, weil sie dem eigentlichen Sinn des Spiels zuwider läuft. Kreativ fand ich sie trotzdem 😉 .

Was ich daran so spannend finde: Durch das Verbot von Wiederholungen fängt das Gehirn an, nach „tieferen“ Lösungen zu suchen. Man kommt also gezwungenermaßen auch auf Ideen, die einem beim ersten Nachdenken nicht eingefallen wären. Floskeln wie „teamfähig“ und „ungeduldig“ sind schnell abgehakt, und jeder ist gefordert, nach Begriffen zu suchen, die differenzierter und weniger oberflächlich sind. Die ständige Nachfrage des Partners „Wer bist du?“ und dessen Aufmerksamkeit trägt zudem dazu bei, dass sich alle wirklich Mühe geben,  weitere ungenannte Eigenschaften und Fähigkeiten auszugraben.

Ganz nebenbei lernen die Teilnehmer sich auf einer recht persönlichen Ebene kennen, weshalb das Spiel gerade auch zu Beginn eines Seminars eine gute und vertrauensvolle Atmosphäre schafft, die die weitere Zusammenarbeit erleichtert.

Wenn ich dann danach dazu überleite, dass die Teilnehmer sich nun gezielt ihr Stärkenprofil vornehmen, beispielsweise in Form eines Interviews oder durch das Schreiben eines Zeitungsartikels, sind die Widerstände meist nicht mehr so groß und es fällt den meisten leichter, nun in Worte zu fassen, was sie auszeichnet und interessant macht.

Kennt ihr vielleicht ähnliche Spiele, die sozusagen die kreativen Muskeln lockern, vor allem im Hinblick auf die eigenen Stärken? Dann freue ich mich ganz besonders über Hinweise!

 

5 Kommentare

  1. Kerstin Hoffmann

    Sehr schönes Spiel, danke für’s Teilen. Was mich sehr interessiert ist deine Wahrnehmung: Verstärkt das deiner Erfahrung nach eher bestehende Identitäten (also Rollen, eine bestimmte Haltung oder die Art, wie jemand sich darstellt bzw. gesehen werden möchte) – oder führt es eher dazu, dass die Leute sie loslassen und mehr „sie selbst“ sind?

  2. Heide

    Gute Frage. Ich denke, ich habe es noch nicht oft genug gespielt, um das abschließend beurteilen zu können. Als Mitspielerin habe ich allerdings bemerkt, dass man irgendwann eher bereit ist, mehr von sich mitzuteilen als vielleicht noch zu Beginn des Spiels. Der „Regelcharakter“ des Spiels (Ich muss was sagen!“) scheint innere Vorbehalte („Ich will nicht, dass mein Gegenüber so viel von mir erfährt.“) quasi zu überstimmen. Weil das ja ein gegenseitiger Prozess ist, wird das von den Teilnehmern überwiegend positiv bewertet. Mir sagte ein Teilnehmer hinterher, er sei sonst eher vorsichtig mit Äußerungen über sich selbst, aber das habe ihm jetzt zu seiner eigenen Überraschung viel Freude gemacht. Fand ich bemerkenswert.

  3. Kerstin Hoffmann

    Spannend jedenfalls. Falls dir irgendwann mal was zu meiner Frage mit den Identitäten auffällt – weil du es oft genug gespielt hast 😉 – freue ich mich sehr über ein Update.

  4. Annegret Schröder

    Hallo,
    ich kenne dieses Spiel, habe es in einem Training einmal mitgemacht und festgestellt, dass ich bis dahin viel zu wenig über mich, meine Stärken und Schwächen, aber auch über meine Ziele nachgedacht hatte. Damals war ich noch am Anfang meiner Karriere und schon beim dritten „ich bin….“ kam ich ins Grübeln, hatte dieses Gefühl, jetzt tiefer gehen zu müssen. Das ließ für mich allerdings damals die Umgebung (ich kannte viele Leute in dem Seminar und war noch nicht wirklich selbstbewusst) nicht zu. Ich habe daher ziemlich lange Pausen gemacht, aber meine Gedanken sind ganz schön in Schwung gekommen, so dass ich in der Nachbereitung mir selbst die Frage noch intensiver und ehrlicher beantwortet habe. Mein Gegenüber damals hatte schneller die Antworten, blieb aber an der Oberfläche. Sie hat auf jeden Fall die bestehende Identität bestätigt, während bei mir der Weg in die Tiefe ging.
    Sich selbst und der Umwelt gegenüber Stärken hervorzuheben und Schwächen einzugestehen, ist auch meiner Erfahrung nach irgendwie verpönt. Keine Ahnung, warum. Da ich mittlerweile gerne mal betone, dass ich gut (auch besser als andere) bin, erlebe ich sehr oft, dass ich erstmal irritiert angesehen werde. – Später glaubt man mir 😉

    Wenn ich übrigens heute an Stellen bin, wo ich nicht weiterkomme, spiele ich ein ähnliches Spiel: „Was willst du wirklich?“

  5. Heide

    Hallo Annegret, danke für deine Erfahrung, das finde ich sehr interessant. Ich gehöre eher zu den Leuten, denen bei diesem Spiel schnell ganz viel einfällt. Andererseits beschäftige ich mich auch schon seit sehr langer Zeit mit mir und kann wahrscheinlich behaupten, dass ich mich sehr gut kenne. Die Frage „Was willst du wirklich?“ erinnert mich an „The Work“. Da wird ja auch durch die Frage „Ist das wirklich wahr?“ noch mal tiefer gebohrt. Das ist toll für die Einzelarbeit, als Seminarspiel aber nur bedingt geeignet 🙂 .

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