Mutige Entscheidungen

Während meiner Mutmacher-Blogparade stelle ich euch in lockerer Folge Unternehmerinnen und Unternehmer vor, die ich dazu interviewt habe, welche Rolle Mut für sie in ihrem Unternehmerdasein spielt. Manche von ihnen haben ungewöhnliche Geschäftsideen in die Tat umgesetzt, andere interessante strategische Entscheidungen getroffen oder ganz persönliche Herausforderungen gemeistert. Lasst euch inspirieren!

Den Anfang macht Elke Fleing. Viele von euch werden Elke noch aus ihrer Zeit als Initiatorin des ersten Business-Blogkarnevals auf ihrem Selbst-und-ständig-Blog kennen. Vor 10 Monaten hat sie ihre Zelte in Deutschland abgebrochen und lebt und arbeitet seitdem in Namibia. Ich fand das einen sehr mutigen Schritt, aber Elke (links im Bild) sieht das ein bisschen anders …

Was bedeutet für dich persönlich Mut?

Mut heißt für mich, eigene Ängste zu überwinden. Es heißt nicht, etwas zu tun, das andere mutig finden.

Nimmst du dich selbst als mutig wahr?

Manchmal. Z. B., wenn ich mich einem Problem, einem Konflikt stelle, von dem ich weiß, es/er wird nicht einfach zu lösen/auszuhalten sein.

Oder wenn ich tatsächlich z. B. physische Ängste überwinde. So kleine Traumata haben doch die meisten – ich jedenfalls hab ein paar.

Ich hatte z. B. mit 16 einen bösen Motorradunfall und hab vor einigen Wochen zum ersten Mal wieder ein Motorrad bestiegen. Bin zuerst fast gestorben vor Angst, aber ganz langsam ging das weg und es kam sogar kurz wieder ein bisschen dieses tolle Gefühl von Freiheit herausgekrabbelt.

Oder: Ich hab keine Höhenangst, aber beim Freeclimben Angst abzustürzen, keinen Halt zu finden. Ich vermeide echte Kletterpartien, wo immer ich kann. Vor einiger Zeit hatte ich die Wahl, eine ganze Gruppe einen Riesenumweg laufen zu lassen oder eben etwa 5 m hoch wirklich zu klettern. Mit Anfeuern der anderen und furchtbar weichen Knien inkl. „Einfrieren“, also kurz keinen Millimeter weiterbewegen können, als ich endlich oben war, hab ich’s gemacht. Das fand ich mutig von mir.

Grundsätzlich würde ich  mich nicht in die Reihe der 2.596 mutigsten Menschen einordnen. Es ist einfach so, dass ich ein sehr lebensfroher, optimistischer Mensch bin und es nicht sooo viele Sachen gibt, die mir Angst einflößen. Also kann ich viel angehen und ausprobieren, ohne Angst überwinden zu müssen.

Bestimmt hat die Entscheidung, nach Namibia zu gehen, Mut erfordert, oder? War das die mutigste Entscheidung, die du als Unternehmerin bisher getroffen hast? Was daran war für dich die besondere Herausforderung?

Nein, die Entscheidung, nach Namibia zu gehen, hat überhaupt keinen Mut erfordert. Siehe oben – ich hatte Null Angst davor, also war ich auch nicht mutig. Es war einfach nur „dran“ und ich war nur voller Vorfreude.

Nein, das war mitnichten meine mutigste Entscheidung. Ich glaub, meine mutigste Unternehmerinnen-Entscheidung war, damals mein erstes Unternehmen, die Musikagentur, nach 15 Jahren aufzugeben. Ich konnte mir Jahrelang (!) ein Leben ohne dieses Unternehmen nicht vorstellen. ich war aber mit regelmäßiger 90-Stunden-Woche allerdings auch buchstäblich ein Workaholic, was ich mit einem fiesen Burnout-Syndrom bezahlt hab’, an dem ich noch mehrere Jahre lang rumgeknabbert hab.

Und was war der erste Schritt, um deine Entscheidung umzusetzen?

Nach Namibia zu gehen? Mich zu erkundigen, wie, mit wem, warum, wann ich mich hier selbstständig machen kann (was anderes als Selbstständigkeit kam natürlich nie in Frage) und herauszufinden, wie die Chancen stehen, eine dauerhafte Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis hier zu bekommen. Ist nämlich sehr schwierig, nach Namibia einzuwandern. Da muss man ganz schön basteln und kämpfen.

Wer hat dir geholfen oder dich unterstützt?

Ganz viele Leute: Mein jetziger Geschäftspartner. Einwanderungsberater, professionelle und einfach sich-Auskennende. Die Familie meines Liebsten. Sehr, sehr, sehr gute Freunde in Deutschland mit Rat und viel Tat, inzwischen viele auch hier. Es vergeht kaum ein Tag, an dem mir nicht irgendjemand irgendwie hilft.

Hast du Vorbilder?

Ja, ich hab ganz viele verschiedene Vorbilder. Ich versteh nur ein bisschen was von NLP, aber diese Idee mit dem „Modelling“ finde ich ziemlich passend für mich. Wenn ich vor irgendwelchen kleinen, größeren oder großen Entscheidungen stehe, frage ich mich oft: Wie würde der oder die oder der damit jetzt umgehen? Welche Argumente würde er oder sie oder sie jetzt vorbringen?
Es ist nicht so, dass ich ein bestimmtes Vorbild habe, an dem ich mich immer orientiere. Die unterschiedlichsten Menschen oder auch einfach nur Wertvorstellungen sind es, die mir als Vorbild dienen.
Übrigens je nach „innerem Schweinehund“ mal mehr, mal weniger erfolgreich…

Wie gehst du mit Ängsten um? Anders als vorher?

Anders als „vor“ Namibia? Hm, interessante Frage, hab ich noch nicht oft bewusst drüber nachgedacht. Ja, ich glaube ja, ich gehe anders damit um. Einer der Gründe, warum ich weiß, dass es jetzt richtig ist für mich, in Namibia zu leben. Ich bin viel entspannter als ich es in Deutschland war. Ich kann hier in Situationen _ z. B. massiven finanziellen Engpässen, die es durchaus gibt oder einfach eine der Situationen, in denen ich noch nicht genug gelernt habe, mit Afrika und seinen Mentalitäten, seinen Tabus und Fallstricken umzugehen _ noch fröhlich sein und (fast) ohne Panik handlungsfähig bleiben, in denen ich früher wahrscheinlich längst mit einem Herzkasper im Krankenhaus gelegen hätte.

Und _ siehe zweite Frage _ ich gehe alte Ängste an. Eben auch mal mehr, mal weniger erfolgreich. Meine Höhlenangst z. B. konnte ich noch nicht überwinden und so habe ich beim Abstieg in eine wunderschöne riesige Fledermaushöhle gekniffen. Aber die Höhle läuft ja nicht weg und ich bin da sicher bald mal wieder, dann probiere ich’s neu.

Hat es sich gelohnt? Inwiefern?

Ja. Ja es hat sich absolut gelohnt. Ich liebe es, hier zu leben. Ich fühle mich genau richtig hier. Trotz aller Anfangsschwierigkeiten. Ich wache wirklich fast jeden Morgen mit dem bewussten Gedanken auf, wie dankbar ich bin, hier zu sein. Auch wenn das kitschig klingt, ich meine es genau so, wie ich das sage.

Oder ich sitze im offenen Landrover auf einem Hügel nahe Windhoek, ein Bier in der Hand und guck’ der untergehenden Sonne zu. Dann muss ich mich oft – symbolisch gesprochen – ins Ohr kneifen, um zu begreifen, wirklich zu begreifen, dass ich jetzt nicht gerade ein spannendes Buch über Afrika lese sondern dass ich hier bin. Dass ich hier lebe. Jeden Tag, nicht nur einen Urlaub lang. Und „in echt.“

Ich lerne ganz viel über die Menschen und die Art zu leben hier. Bin außer mit Weißen auch viel mit Colourds und Schwarzen zusammen und hab viel mit einigen von ihnen zu tun. Und so erfahre ich unglaublich viel über die Kultur(en), die persönlichen Hintergründe, die Nuancen ihrer Sprache(n), die Körpersprache, die Musts und No go’s, die Arten, Freizeit zu verbringen, die Motivationen, die Gefühlswelten und Hierarchien und alles. Das alles verändert mich, erweitert meinen Horizont, lässt mich „ganzer“, offener und toleranter werden. Auch dafür bin ich sehr dankbar.

Hm, ein Punkt, den ich oben schon angerissen hab: „Blöde Ereignisse, Situationen“ sind für mich hier alle irgendwie „nicht so schlimm“. Fragt mich nicht, warum, aber ich kann hier Schwieriges viel besser aushalten als früher in Deutschland.

Vielleicht liegt’s an der vielen Sonne, die hier tonnenweise Endorphine ausschüttet.
Vielleicht an der Weite des Landes, die mir das Gefühl gibt, Raum (und was für einen schönen!) zu haben,
vielleicht auch an der geringen Anzahl von Menschen (insgesamt nur knapp zwei Millionen auf einer Fläche, die zweieinhalb mal so groß ist wie Deutschland), die alles Geschäftliche, Politische, Wirtschaftliche und Zwischenmenschliche irgendwie „so schön übersichtlich“ macht,
vielleicht daran, dass man viel weniger Geld braucht als in Deutschland, um recht angenehm leben zu können,
vielleicht daran, dass auch nach fast 10 Monaten natürlich immer noch der Reiz des Neuen da ist,
vielleicht daran, dass ich hier fast überall und fast das ganze Jahr lang barfuß laufen kann, ohne Anstoß zu erregen (mit den Dresscodes ist man hier viel (!) entspannter als in Deutschland) oder mir ne Lungenentzündung zu holen,
vielleicht…

Ich schätze, es ist eine Mischung aus all dem und noch einiges mehr.


Dein Rat an Zauderer?

Wenn irgend möglich: Tu, was dein Herz dir rät. Finde Wege, dein Leben so nah an deine Träume herankommen zu lassen wie irgend möglich.
Versuch’, dabei andere so wenig wie möglich zu verletzen, dabei so vielen wie möglich so doll wie möglich zu nützen.

Aber finde Wege. Es ist’s wert.

Liebe Elke, ganz herzlichen Dank für Deine Antworten!

1 Kommentar

  1. Birgit

    Hallo Heide – hallo Elke! Ein toller Artikel, ich höre Elke förmlich reden 🙂 Freut mich, dass Namibia weiterhin soviel Spass macht. Besonders spannend fand ich den Punkt, dass Elke das Umziehen nach Afrika gar nicht als mutig empfand, sondern „nur“ als „dran“. Ich bin froh, dass ich sie kurz davor noch persönlich kennenlernen konnte (und fürs Business-Coaching einspannen), ich habe viel von ihr mitgenommen.

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