Technik-Sabbat: Sonntags gehört meine Zeit wieder ganz mir!

Ja, ich gehöre ganz sicher zu den „heavy usern“ in sozialen Netzwerken. Wenn ich nicht gerade intensiv an einem Konzept oder kreativen Texten arbeite, sind Xing und Facebook immer an, und von unterwegs checke ich regelmäßig per smartem Phönchen, was sich in meiner Timeline so tut. Natürlich habe ich auch immer im Blick, was es Neues in meinem elektronischen Postfach gibt – ziemlich viel an normalen Tagen, da ich auch unerhört viele Newsletter und Alerts beziehe, um zu meinen Themen auf dem Laufenden zu bleiben.

Aber so ganz allmählich setzte sich bei mir die Einsicht durch, dass es auf Dauer vielleicht doch mal eine interessante Erfahrung sein könnte, wenigstens einen Tag pro Woche darauf zu verzichten. Warum?

Nun, ich bin ja inzwischen alt genug, um mich noch an Zeiten erinnern zu können, wo das Leben auch ohne die digitalen Helferlein durchaus lebenswert war ;-). Den Fernseher habe ich schon vor ca. 10 Jahren abgeschafft, aber was der mir an Zeit „geklaut“ hat, habe ich ziemlich nahtlos durch meine Online-Zeit ersetzt. Dabei gibt es so viele andere schöne Aktivitäten, denen es gut tut, wenn man sie einfach mal genießt, ohne gleich den Impuls zu verspüren, der ganzen Welt zu erzählen, was man gerade so treibt: Lesen, stundenlang am Stück! Spazieren gehen, alle Sinne auf Aufnahme gestellt, und wenn Fotografieren, dann mal ganz ohne „Teilen“-Funktion. Mit Freunden telefonieren oder sich gleich auf einen Kaffee treffen. Ins Kino oder eine Ausstellung gehen.

Einiges davon habe ich gestern getan, an meinem offiziell ersten Technik-Sabbat. Die Bezeichnung stammt nicht von mir: Zum ersten Mal begegnet ist sie mir bei Katja Bartholmess, die ihre persönliche Technik-Auszeit inzwischen wöchentlich institutionalisiert hat. Auch Maren Martschenko hat mir heute auf Facebook einen Verweis auf ihren Blogartikel dazu geschickt. Ich finde die Bezeichnung wunderbar treffend für die digitale Auszeit, weil sie auch die Entschleunigung beinhaltet, die sich für mich damit verbindet.

Und, wie war’s?

Tatsächlich richtig schön. Das Phönchen hatte ich schon abends zuvor wohlweislich in eine Tasche versenkt, so dass es mir gar nicht erst ins Auge fallen würde am Folgetag. Der Rechner wurde heruntergefahren (ich gestehe hiermit, dass ich das an manchen Abenden schlicht vergesse). So gewappnet startete ich meinen technikfreien Tag – naja, das Telefon habe ich mir schon erlaubt, aber eben kein Smartphone.

Beim Frühstück überlegte ich, was ich mit diesem Tag anfangen wollte, der sich doch ziemlich lang vor meinem inneren Auge erstreckte … Mir fielen gleich ein paar Dinge ein, auf die ich Lust hatte: raus an die frische Luft zum Beispiel. Und ins Kino. Und mal wieder ein Fachbuch lesen, ganz ohne zeitlichen Stress … Als ich dann also wusste, dass ich mir den Tag schön machen würde, fühlte es sich richtig gut an, nicht online gehen zu müssen ;-). Dieses bewusste Überlegen, was ich mit diesem Tag anstellen würde, fand ich einen sehr interessanten Effekt. Sonst lasse ich mich an meinen freien Tagen meist eher treiben, und oft gehen Impulse auch von meinen Online-Netzwerken aus. Das hat auch was, aber es muss ja kein Dauerzustand werden.

Eiche am RheinDer Tag gestern fühlte sich ein bisschen an wie Aufatmen. Das gibt mir zu denken, denn aufatmen ist ja nur dann nötig, wenn es vorher etwas eng war, oder?

Deshalb gibt es auf meiner „Neue-Gewohnheiten-App“ Chains (sehr hilfreich für Spielkinder wie mich) jetzt eine neue Aufgabe, die ich jeden Montagmorgen abhaken kann: Tech-Sabbat am Sonntag.

Und ihr so? Könnt ihr hin und wieder problemlos aufs Online-Dasein verzichten?

6 Kommentare

  1. Daniela

    Seit einiger Zeit versuche ich mich in digitaler Abstinenz am Wochenende. Wenn ich genug anderes zu tun habe, geht es mir gar nicht ab: Einkaufen gehen, Haushalt auf Vordermann bringen, sporteln, Freunde treffen – was man halt so tut am Wochenende. Aber wehe, es steht nicht viel am Programm. Oder wehe, wenn ich auf etwas oder jemanden warten muss! Dann nicht schnell zum iPad oder Smartphone zu greifen, das ist dann schon schwierig.

    Was im Grunde darauf hinweist, was du so trefflich beschrieben hast: Du hast dir einiges vorgenommen, da kommst du gar nicht in Versuchung. Ich empfinde das regelmäßig als Erholung!

  2. Heide

    Vielleicht müssen wir das wirklich erst wieder lernen, das echte Nichtstun … Ich habe mich auch bewusst mit mir beschäftigt, meine Gedanken notiert und „zu Ende gedacht“ – auch das kommt im hektischen Online-Alltag ja oft zu kurz.

  3. Daniela

    Du sagst es! Nichts tun ist wirklich Schwerarbeit. Das zeigt sich jedes Mal wieder, wenn ich auf die Straßenbahn warte oder beim Arzt … 🙂

  4. Gesa

    Ich mache den Rechner am Wochenende nur an, wenn ich mit (angekündigter, wichtiger) Arbeit rechne oder nach Öffnungszeiten/Adressen für die Freizeit suchen muss. Montagmorgen brauche ich dann immer etwas länger zum Nachholen, aber da ist dann das Wichtige ja quasi schon rausgefiltert.

  5. Peter Reitz

    Der Begriff „Technik-Sabbat“ gefällt mir 🙂 Und er spricht mir tatsächlich aus der Seele. Im Coaching arbeite ich viel mit dem Thema Achtsamkeit (für sich selbst…) und insbesondere Klienten unter Zeitnot sind manchmal ganz verwundert, welche (wertvolle Lebenszeit) für Fernsehen drauf geht… Manchmal stelle ich auch die Frage: wer hat ein Interesse daran, dass sie achtsam mit sich umgehen…was wäre die Konsequenz davon, wenn sie das wirklich tun würden (mal angenommen…).

    Herzliche Grüße, freue mich auf viele weitere Blogs!

    Peter Reitz

  6. Zamyat M. Klein

    Ja, das ist ganz wunderbar. Bei mir ging es mehr darum, mir den Sonntag überhaupt frei zu nehmen und keinerlei Arbeit zu tun. Das beinhaltete eigentlich zwangsläufig, dass ich dann gar nicht mein Büro betrete und den PC gar nicht einschalte.

    Am besten gelingt mir der Sabbatical-Sonntag allerdings, wenn ich gar nicht zu Hause bleibe, sondern meist wandern gehe oder Freunde besuche und mit denen was unternehme. Im Sommer fällt es mir auch sicher hier leichter, dann knalle ich mich mit einem Krimi auf den Balkon. Außerdem habe ich wieder angefangen zu malen und lerne Didgeridoo spielen, das alles sind Dinge, die ich nur für mich und zu meiner Freude mache.

    Es ist schon verrückt, dass ich auch das wieder richtig „lernen“ muss, mir einen (oder gar zwei!) Tage frei zu nehmen. Aber ich bin ja ein lernfreudiger Mensch 🙂

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