Rezension: Das Leben wartet nicht von Ulrike Scheuermann

Zeit fürs Wesentliche zu haben – das ist so ein Traum, den viele von uns träumen, glaube ich. Sich die Zeit dafür zu nehmen, diesen Traum zu ergründen – dabei will Ulrike Scheuermanns Buch mit dem Untertitel „7 Schritte zum Wesentlichen“ helfen.

Um es gleich vorwegzunehmen: Das ist kein Schmusebuch, das einem einfach nur bestätigt, was man in unzähligen Lebensratgebern schon gelesen hat, so dass man innerlich müde abwinken kann nach dem Motto „Kenn‘ ich schon, weiß ich alles“ – und dann weitermacht wie bisher.

Nein, Das Leben wartet nicht: 7 Schritte zum Wesentlichen ist ein richtiges Arbeitsbuch. Und insofern nur geeignet für Menschen, die sich ernsthaft mit der Frage beschäftigen möchten, wie Glück für sie ganz persönlich aussehen und sich anfühlen kann. Menschen also, denen klar ist, dass man das meist nicht einfach so weiß, weil der Alltag einen eben fest im Griff hat. Menschen, die sich Zeit dafür nehmen, die Frage nach dem Sinn, nach dem Wesentlichen eben, ab und zu mal zu beleuchten.

Wenn morgen mein letzter Tag wäre, was würde ich heute noch tun? Und, viel wichtiger, wie zufrieden wäre ich dann mit dem bisher gelebten Leben? Damit steigt Ulrike Scheuermann direkt ein. Das ist nicht unbedingt eine angenehme Frage, oder? Wenn wir ehrlich sind, neigen viele von uns dazu, Dinge zu verschieben auf ein selten genau definiertes „Später“. Aber was, wenn es dieses Später ganz plötzlich nicht mehr gibt? Was, wenn uns das Leben einen Strich durch diese Rechnung macht – dass wir ja noch Zeit haben, dass wir noch jung sind, dass wir unsere Träume ja „irgendwann“ noch umsetzen können?

Also, gehen wir es an. Setzen wir uns im ersten Schritt auseinander mit dem, was wir bis heute gelebt haben. Ziehen wir Bilanz. Ulrikes Kernübung dafür ist, ein Bild zu malen mit dem eigenen Lebensfluss. Das ist eine interessante Übung, die mir überraschend schwer gefallen und noch nicht abgeschlossen ist.

Im zweiten Schritt geht es darum, seine Werte aufzuspüren und zu gewichten. Das ist ein eher analytischer Teil, der aber viel Klarheit bringen kann. Denn Werte sind das, was uns mehr und oft minder bewusst steuert. Das, wonach wir unser Leben ausrichten. Es ist wertvoll zu erkennen, dass man nicht immer auf Autopilot laufen muss.

Der dritte Schritt beschäftigt sich mit der Herausforderung, den eigenen Fokus zu finden. Hier wird es wirklich existenziell, denn Ulrike verlangt nicht mehr und nicht weniger als eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod. Das jedoch auf eine angenehme, respektvolle Weise, die es dem Leser ermöglicht, sich diesem schwierigen Thema gut anzunähern. Sich vorzustellen, dass die nächsten 7 Monate die letzten Lebensmonate sind, ist einerseits schwieriger und dann wieder einfacher als gedacht. Eine gute Übung, die ich sehr empfehle.

Im vierten Kapitel geht es dann darum, seine eigene Lebensweisheit zutage zu fördern. Der Aufhänger ist die letzte Vorlesung von Randy Pausch, an die ich mich noch lebhaft erinnern kann. Sie hat mich damals unglaublich angerührt. Ulrike regt hier dazu an sich zu fragen, was man schon jetzt mit anderen teilen kann an wichtigen Erkenntnissen über das Leben. Das hat mir besonders gut gefallen, weil ich mich darin wiederfinde: Ich habe nämlich tatsächlich ein sehr dringendes Bedürfnis, meine Erfahrungen zu teilen und auf diese Weise Spuren zu hinterlassen 🙂 .

Dieser Gedanke wird im fünften Schritt noch weiter fortgeführt. Denn hier geht es darum herauszufinden, was man bewirkt. Was möchte ich hinterlassen? Welches Vermächtnis kann ich geben? Welche Botschaft habe ich für die, die mir wichtig sind, woran sollen sie denken, wenn sie an mich denken? Sehr spannend!

Der sechste Schritt hat mich zunächst überrascht, obwohl er eigentlich naheliegend ist. Hier geht es nämlich darum, über wichtige Beziehungen nachzudenken und sich mit jemandem zu versöhnen, mit dem es einen Konflikt gegeben hat. Dahinter steckt die Idee, das Loslassen zu lernen und zu üben – und das ist nun wirklich eine ganz wesentliche Voraussetzung, um ein erfülltes Leben zu leben. Aber wie oft hängen wir noch an alten Wünschen und Vorstellungen, hegen verletzte Gefühle, klammern uns an Vergangenes? Ulrike lässt in diesem Kapitel Briefe schreiben und sich dabei beobachten, wie das Schreiben das Loslassen erleichtert.

Im siebten Schritt schließlich vergegenwärtigen wir uns die Perspektive eines Menschen, der uns viel bedeutet. Wir versetzen uns ganz in diese andere Person. Das Habenwollen wird ersetzt durch Loslassen, Verstehen, Erkennen und Lieben. Das ist viel, viel schwerer als es sich liest, aber auch hier findet Ulrike Wege, sich dem Thema behutsam anzunähern, zu erklären, zu verdeutlichen.

Mich hat Das Leben wartet nicht wirklich berührt. Das liegt nicht nur an den Inhalten, sondern auch an der Form der Aufbereitung. Ulrike erzählt kleine, teils anrührende, teils witzige Geschichten, die „aufwärmen“ für das jeweilige Thema. Dann wird die eigentliche Übung erläutert und eingeführt. Danach gibt es unter der Überschrift „Verstehen“ noch Erläuterungen aus der Forschung, und zum Schluss gibt die Autorin weiterführende Hinweise zum Lesen, Hören, Schauen, wenn man das Thema für sich noch vertiefen möchte. Das ist klug durchdacht, inspirierend und in jeder Zeile wahrhaftig und glaubwürdig.

Das Leben wartet nicht ist ein Buch für Menschen im Umbruch, auf der Suche nach neuen Horizonten und Erfahrungen, mit der Bereitschaft, sich tief einzulassen auf sich und die wesentlichen Fragen des Lebens. Wer das tut, wird belohnt mit interessanten und bewegenden Erkenntnissen. Absolute Empfehlung, ein wunderbares Buch!

 

1 Kommentar

  1. Ulrike Scheuermann

    Liebe Heide,

    deine Rezension über mein Buch zu lesen, ist mir eine große Freude. Ich danke dir herzlich für dein offensichtlich sehr aufmerksames und intensives Lesen und die Beschäftigung mit den Übungen – und dein Berichten darüber.
    Wenn ich deine Zeilen lese, weiß ich wieder einmal neu, wofür ich diesen enormen Arbeitsaufwand mit dem Bücherschreiben investiere.

    Herzliche Grüße von Ulrike

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