Was ist eigentlich die Geschichte deines Lebens? Und ist sie wirklich wahr? Gerade kürzlich ist mir wieder bewusst geworden, wie sehr wir uns beeinflussen lassen von den Selbstbeschreibungen, die wir uns selbst und natürlich auch anderen immer wieder erzählen. Eine Klientin sagte im Coaching achselzuckend zu mir: „Ich bin halt zu gutmütig.“
Was sie damit eigentlich ausdrückte: Ich war schon immer zu gutmütig, und ich werde auch in Zukunft zu gutmütig sein (und mich weiter ausnutzen lassen).
Kurze Zusammenfassung für Eilige
- Wir glauben unseren eigenen Selbstbeschreibungen: „Ich bin halt zu gutmütig“ wirkt wie eine selbsterfüllende Prophezeiung.
- Solche Geschichten halten uns gefangen, weil wir sie uns immer wieder bestätigen.
- Sie lassen sich aber umschreiben durch Coaching, Selbstbeobachtung und neue Erfahrungen.
- Spür ihnen nach: Womit begründest du, dass du ein Ziel noch nicht erreicht hast? Oft sind das bequeme Ausreden.
- Schreib deine Geschichte neu – ganz wörtlich – und lies sie dir immer wieder vor, bis sich etwas verschiebt.
Wie du deine Geschichte umschreiben kannst
Das ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie sehr wir geradezu gefangen sind in diesen Selbstbeschreibungen. Denn weil wir sie uns immer wieder erzählen, erfüllt sich diese Voraussage natürlich ständig. Wer also von sich behauptet, „zu gutmütig“, „schüchtern“, „chaotisch“ oder sonstwas zu sein, wird sich und dem Rest der Welt immer wieder aufs Neue beweisen, dass das so ist …
Nun gibt es aber Menschen, die durch Coaching oder Training oder einfach durch aufmerksame Selbstbeobachtung und Experimente mit neuen Verhaltensweisen heute von sich sagen können: „Ich war lange zu gutmütig, aber heute kann ich mich besser abgrenzen!“ Oder „Ich war die klassische kreative Chaotin, aber heute habe ich feste Routinen, die mir bei meiner Tätigkeit helfen.“
Das heißt, auch bei dir könnte es sein, dass du dir eine Geschichte über dich selbst erzählst, die entweder schon lange nicht (mehr) stimmt oder die du tatsächlich verändern kannst. Ich habe zum Beispiel irgendwann gemerkt, dass ich meine Geschichte „Ich bin ein Schisser und trau mich nix!“ neu geschrieben hatte und mich jetzt als mutig bezeichne! Lies hier meine Geschichte über Mut.
Wo liegen deine Geschichten verborgen?
Vielleicht fragst du dich jetzt, wie du dir selbst auf die Schliche kommen kannst. Die Antwort liegt im Grunde nahe: Welche Gründe findest du dafür, dass du ein bestimmtes Ziel immer noch nicht erreicht hast?
- Vielleicht verdienst du ja nicht genug Geld. Richtig, du konntest ja noch nie mit Zahlen umgehen … Kann sein, dass das wirklich stimmt. Kann aber auch sein, dass es bequemer ist, dir das weiter zu erzählen. Weil es mit Arbeit verbunden sein könnte, wenn du dir diese Annahme mal etwas genauer anschauen würdest.
- Vielleicht wiegst du immer noch zu viel? Du bist eben undiszipliniert und schaffst es nicht regelmäßig ins Fitness-Studio. Klar, das macht dich auch nicht glücklich, aber es entlastet dich zumindest für den Moment …
Wie wäre es, wenn du anfangen würdest, dir selbst eine neue Geschichte zu erzählen? Wie du heldenhaft den Willen aufbringst, endlich das zu erreichen, wovon du schon lange träumst? Wie du Gleichgesinnte findest, die dich dabei unterstützen? Und wie du nebenbei noch viele weitere Heldentaten vollbringst?
Das klingt so einfach, sagst du. Aber es ist doch sooo schwer!
Ich glaube, wenn du dir die Chance gibst, deine Geschichte(n) neu zu schreiben, kannst du damit deinem Leben eine neue Richtung geben. Schreiben meine ich damit ganz wörtlich: Wenn du herausgefunden hast, wo sich in deinem Leben Geschichten verbergen, die verhindern, dass du deine Ziele erreichst, dann schreib genau diese Geschichten um. Male dir aus, wie du wärst, wenn du eben doch mit Zahlen umgehen, Technik verstehen, Bewegung in dein Leben integrieren würdest. Was für ein Mensch wärst du dann, was würde sich alles neu entfalten können?
Das macht richtig Spaß! Und ja, natürlich ist so eine neue Geschichte anfangs noch nicht so ganz glaubwürdig, und die alte Geschichte will sich wieder nach vorn drängeln. Aber vielleicht experimentierst du einfach mal damit, dir deine neue Geschichte immer wieder vorzulesen und zu spüren, wie sich ganz allmählich doch etwas in dir verschiebt, hin zur neuen Geschichte.
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Sehr guter Artikel! Ich denke auch schon länger darüber nach, dass solche immer wieder erzählten Geschichten allmählich ein Eigenleben entwickeln, und das nicht immer positiv. Leider, das habe ich festgestellt, tragen dann auch Therapien und Coachings dazu bei, solche Selbstbilder zu verfestigen: weil man die einmal als „wahr“ erkannte Geschichte dort eben immer wieder erzählt: „Meine Eltern sind nie auf mich eingegangen, deshalb habe ich ein schwaches Selbstbewusstsein entwickelt.“ „Ich war als Kind ein Außenseiter, deshalb habe ich mich auf Bücher konzentriert und bin anderen gegenüber oft gehemmt.“ Und die meisten Therapeuten greifen so etwas freudig auf und machen das zum Ausgangspunkt ihrer Arbeit, weil es ja auch schlüssig klingt.
Dein Vorschlag, einfach eine andere Geschichte zu entwickeln, klingt erst mal ganz einleuchtend – ich könnte mir aber vorstellen, dass die es ganz schön schwer haben dürfte, gegen eine jahr(zehnte)lang verfestigte Autobiografie anzukommen. Ich frage mich, ob es nicht Ansätze jenseits der sprachlichen/erzählerischen Ebene gibt, etwas zu verändern. Manche sagen ja, dass man beim Theaterspielen alternative Handlungsweisen und Rollen erproben kann. Vielleicht kann so was helfen?
Hallo Sabine, danke dir! Und du hast Recht, solche Geschichten zu verändern, ist nicht immer einfach, und manchmal braucht es dazu professionelle Unterstützung von Coaches und Therapeuten, die sich damit auskennen ;-). Rollenspiele sind auch eine Möglichkeit. Ich habe gerade kürzlich auch über die Macht des So-tun-als-ob geschrieben: https://www.heide-liebmann.de/staging/blog/2017/08/die-macht-des-so-tun-als-ob/ Vielleicht gibt dir das auch noch mal ein paar Impulse.
Liebe Grüße
Heide