Heide Liebmann, Potenzialdetektivin für Multitalente, zeigt mit beiden Zeigefingern auf die Betrachter*innen und lächelt dabei.

Bin ich authentisch?

Bin ich authentisch? Für mich galt Authentizität lange als höchster Wert. So richtig happy bin ich aber nicht mehr mit dem Begriff, und ich habe mich gefragt, ob es anderen vielleicht auch so geht.

Daher habe ich für diesen Artikel mal wieder die 5 Freiheiten von Virginia Satir, der Begründerin der systemischen Familientherapie, ausgegraben, um für mich selbst herauszufinden, ob Authentizität noch in mein Wertesystem passt. Und ich erforsche Alternativen wie „Integrität“ oder „Eigensinn“.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Authentizität war lange mein höchster Wert, aber inzwischen hadere ich damit: Der Begriff ist abgenutzt und kommt oft mit einem Selbstoptimierungs-Anspruch daher, der mehr Druck macht als guttut.
  • Integrität ist für mich die stimmigere Alternative: Sie bezieht auch Gegenüber, Beziehung und Kontext mit ein.
  • Gerade für Multitalente ist das eine Erleichterung: Wer viele Facetten hat, scheitert schnell an der Idee des einen „wahren Selbst“. Integrität fragt nicht „Welche Version ist echt?“, sondern „Bleibe ich mir über alle Facetten hinweg treu?“
  • Eigensinn ist ein zweiter spannender Alternativbegriff: das Eigene leben, voll und ganz.
  • Die 5 Freiheiten nach Virginia Satir geben dir am Ende einen kleinen Selbstcheck an die Hand, unabhängig davon, welcher Begriff für dich passt.

Warum Authentizität für mich nicht mehr so ganz passt

Authentisch zu sein, war in meinem persönlichen Wertesystem bisher immer sehr hoch oben angesiedelt. Denn ich bin ohnehin nicht so gut darin, mich zu verstellen. Tatsächlich sieht man mir immer an der Nasenspitze an, wenn ich mit irgendwas nicht einverstanden bin, aber auch, wenn mich umgekehrt etwas total begeistert.

Ich habe mit dem Begriff aber auch einen ethisch-moralischen Anspruch verbunden: jederzeit eine klare Haltung zu zeigen und auch zu kommunizieren. Mich ständig selbst zu reflektieren und zu hinterfragen. Immer ich selbst zu sein.

Irgendwann bemerkte ich nicht nur bei mir, sondern auch bei Klient*innen, dass da irgendwas aus dem Ruder lief:

  • Authentizität kann erstens niemand aussprechen ohne einen Knoten in der Zunge. Ok, damit könnte man notfalls leben … 😉
  • Zweitens ist der Begriff abgenutzt: Alle wollen heute als authentisch gelten, und damit wird Authentizität ähnlich nichtssagend wie Achtsamkeit. Überall springt einem der Begriff entgegen, er wird geradezu inflationär genutzt, und das stört mich zunehmend.
  • Drittens und für mich am wichtigsten kommt Authentizität oft mit einem sehr hohen Anspruch daher: Jederzeit authentisch sein, bitteschön! Und das passt ganz wunderbar in diese ganze Selbstoptimierungs-Bubble, die Menschen aber enorm viel Stress machen kann.

Denn wenn wir uns ständig den Druck machen, in jeder Situation zu hundert Prozent authentisch agieren zu müssen, kann das dazu führen, dass wir uns selbst geißeln, wenn wir eben doch mal schweigen oder zurückstecken.

Ein Beispiel:

Deine Chefin hat eine Entscheidung getroffen, die aus deiner Sicht mittelfristig zu Problemen führen wird und gegen deine Werte verstößt. Du hast deine Bedenken mitgeteilt, die jedoch nicht auf fruchtbaren Boden fielen. Wäre es jetzt „authentisch“, weiter in die Auseinandersetzung zu gehen und vielleicht sogar zu kündigen, wenn deine Ansprüche nicht erfüllt werden? Und musst du dich jetzt schlecht fühlen, weil du deinen Wert Authentizität an dieser Stelle nicht zu hundert Prozent erfüllst?

Darüber habe ich übrigens auch schon mal gebloggt: Warum Werte für Scannerinnen besonders wichtig sind

Das sind die Momente, in denen es kontraproduktiv ist zu denken, man müsse jederzeit „man selbst“ sein. Weil es Situationen gibt, in denen man aus verschiedenen Gründen abwägen muss. Wo hier jeder seine Grenzen setzt, ist sehr individuell. Aber aus meiner Sicht bist du nicht unauthentisch, wenn du dich in so einer Situation zunächst dafür entscheidest, abzuwarten, wie sich alles entwickelt. Und vielleicht innerhalb deiner Möglichkeiten integer zu handeln.

Und da sind wir dann schon beim ersten Begriff, der für mich eine ähnliche Bedeutung hat wie Authentizität, aber ohne diesen Selbstoptimierungsanspruch: Integrität.

Alternativen für „Authentizität“

Kürzlich hatte ich das Thema tatsächlich im Coaching. Ein Klient stolperte immer wieder über seinen eigenen hohen Anspruch bezüglich seines Werts „Authentizität“. Da flog mich dann plötzlich der Begriff „Integrität“ an (das ist etwas, was ich immer wieder spannend finde: Woher kommen solche Ideen plötzlich? Anderes Thema, das ich irgendwann nochmal stärker beleuchten möchte.)

„Integrität“ als Alternative für „Authentizität“

Jedenfalls schlug ich dem Klienten „Integrität“ als Alternative für „Authentizität“ vor. Bei dem Wort Integrität schwingen Begriffe wie Unbescholtenheit, Anständigkeit und Ehrlichkeit mit. Das gefällt mir gut, denn als integrer Mensch kann ich mir selbst treu bleiben, auch wenn ich in manchen Momenten zurückstecken muss. 

Integrität beinhaltet für mich auch integrales Denken und Handeln. Das bedeutet, ich stelle nicht nur mich und meine innere Haltung in den Fokus, sondern ich beziehe auch andere Faktoren mit ein: das Gegenüber, unsere Beziehung, den Kontext, in dem wir uns bewegen, die Ziele, die wir erreichen wollen.

Integrität ist also umfassender und weiter als Authentizität, weil sie nicht allein auf mich gerichtet ist. Mein Klient konnte das sofort annehmen und merkt seitdem, dass der selbstgemachte Druck in Punkto Authentizität deutlich nachgelassen hat.

Integrität passt oft besser für Multitalente

Was ich an diesem Beispiel besonders spannend finde: Gerade für Multitalente kann dieser Perspektivwechsel oft eine große Erleichterung bedeuten. Denn wenn du viele Interessen, Rollen und Facetten in dir trägst, gerätst du mit dem klassischen Authentizitäts-Anspruch fast zwangsläufig in Konflikt: „Sei immer du selbst!“ Schön, aber welche von mir denn, bitte? Die kreative Ideenschleuder, die passionierte Macherin, die Visionärin? 

Die Vorstellung, es gäbe diesen einen, immer gleichen, wahren Kern, passt für uns Multitalente einfach nicht so richtig gut.

Und deshalb finde ich Integrität so viel passender. Weil wir damit nicht danach fragen, welche Version von uns ist die echte ist. Sondern es geht darum, dir über deine vielen Facetten hinweg treu zu bleiben. Damit erlaubst du dir, in unterschiedlichen Kontexten unterschiedlich zu wirken, ohne dass du dich gleich als Hochstaplerin fühlen musst. Was von außen manchmal wie Wankelmut aussieht, ist in Wahrheit oft nur ein Mensch, der mehrere echte Seiten hat und sie auch alle leben darf.

Und damit sind wir schon fast beim nächsten Begriff, der für Multitalente besonders gut passt und den ich dir nicht vorenthalten möchte: dem Eigensinn.

„(Radikaler) Eigensinn“ als Alternative für „Authentizität“

Maren Martschenko, so las ich kürzlich drüben auf Linkedin, hat sich statt für authentisch nun für „radikal eigensinnig“ entschieden. Ich kann das gut nachvollziehen, weil im Wort „Eigensinn“ so viel steckt: das Eigene leben. Sinn-haftigkeit. Und radikal, schreibt Maren, „beschreibt das Bestreben, etwas von Grund auf, gründlich, ganz und gar, vollständig zu tun.“

Das sind alles Attribute, die mir gut gefallen, wobei ich diesen Anspruch auf „ganz und gar“ tendenziell schon wieder in Frage stellen möchte.

Mich würde natürlich interessieren, welcher der genannten Begriffe denn für dich am ehesten passt. Schreibe es mir gern in die Kommentare!

Wie kannst du nun für dich überprüfen, ob du ein authentisches, integres, eigensinniges Leben führst?

Die 5 Freiheiten nach Virginia Satir

Vielleicht helfen dir die 5 Freiheiten nach Virginia Satir, der Begründerin der systemischen Familientherapie, weiter, die ich für diesen Artikel mal wieder ausgegraben habe. Denn sie stellen eine gute Leitlinie dar, um zu checken, wo es bei dir vielleicht noch Luft nach oben gibt beim Thema Authentizität, Integrität, Eigensinn:

1.     Die Freiheit zu sehen und zu hören, was ist, statt das, was sein sollte oder einmal sein wird.

Damit triffst du die Entscheidung, zum einen die Vergangenheit loszulassen und alte Muster und Überzeugungen zu verabschieden und alte Verletzungen zu heilen. Zum anderen reduzierst du deine Annahmen über die Zukunft und entscheidest dich, Ängste und Sorgen loszulassen, so gut es geht. Im Grunde geht es also darum, gegenwärtig zu sein, im Hier und Jetzt zu leben.

2.     Die Freiheit, das auszusprechen, was du fühlst und denkst, statt das, was andere vielleicht erwarten.

Wenn du Haltung zeigst und deine Wahrheit sprichst, wirkt sich das unmittelbar auf deinen Selbstwert aus, auch wenn das zuweilen unbequem sein mag, für dich und auch für andere. Ein klares Nein, das du wirklich fühlst, tut mehr für deine Selbstwirksamkeit als ein halbherziges Ja es jemals könnte.

3.     Die Freiheit, zu deinen Gefühlen zu stehen, statt etwas vorzutäuschen, was nicht da ist.

Unsere Gefühle haben immer eine Berechtigung und dürfen wahrgenommen und auch ernstgenommen werden. Niemand muss so tun, als ob, und niemand darf dir vorschreiben, was du zu fühlen hast. 

4.     Die Freiheit, um das zu bitten, was du brauchst oder möchtest, statt immer auf die Erlaubnis dazu zu warten.

Wenn du ein erfülltes Leben führen möchtest, gehört dazu, dass du deine Wünsche und Bedürfnisse frei äußern kannst. Du wartest nicht ab, bis jemand auf dich zukommt und dich fragt, weil du dann möglicherweise lange warten kannst. Sondern du wirst selbst aktiv, um dir das Leben zu kreieren, das dir am meisten entspricht. Das trifft besonders auf Multitalente zu, die ihren eigensinnigen Weg finden wollen.

5.     Die Freiheit, auf eigene Verantwortung zu handeln und Risiken einzugehen, statt immer nur „auf Nummer Sicher“ zu gehen.

Nur wenn du etwas wagst und dich auf das Abenteuer Leben einlässt, wirst du deine Potenziale voll erschließen können. Wer immer nur in der gemütlichen Komfortzone verharrt, überlässt die wirklich wichtigen Entscheidungen anderen oder „den Umständen“.

Deine Entscheidung, dein Wert, dein Begriff

Abschließend lässt sich also festhalten, dass die Verpackung dieses Wertes gar nicht so entscheidend ist, sondern vielmehr das, was du mit dem jeweiligen Begriff verbindest. Und ob du dich damit gut fühlst – oder eben nicht, weil du dir zu viel Druck machst, dem eigenen Anspruch zu genügen.

Vielleicht hast du für dich noch eine ganz andere Lösung gefunden, die dir persönlich besser gefällt und ausdrückt, was für andere authentisch, integer oder eigensinnig meint? Das würde mich sehr interessieren!


Dieser Artikel hat dir gefallen und du willst keine weiteren Beiträge mehr verpassen?

In meiner Multi-Potenzial-Post findest du jede Woche weitere Impulse für Multitalente, meine AHA & WOW-Rubrik sowie Lesetipps und mehr in der Rubrik Buch & Bauch.

6 Gedanken zu „Bin ich authentisch?“

  1. Liebe Heide, wie sympathisch, dass du auch mit dem Begriff „authentisch“ haderst. Es freut mich sehr, dass du meine Gedanken auf Linkedin zum (radikalen) Eigensinn aufgegriffen hast. In den Kommentaren nannten Leser:innen Begriffe wie wahrhaftig, echt, einzigartig. Ich finde, die reihen sich auch gut in den Kanon ein. „Integer“ zu sein, finde ich einen guten Begriff, weil der die eignen Werte und aber auch die Beziehung zu anderen einbezieht. Das Wort „Integrität““ geht mir allerdings ähnlich holprig über die Lippen wie „Authentizität“. „Eigensinn“ oder „eigensinnig“ rutscht dagegen geschmeidig raus und leitet mich sehr gut im Handeln und bei meinen Entscheidungen. Großartig, dass du die fünf Wahrheiten von Virginia Satir in dem Kontext einbringst. Damit kann ich mich zu 100% identifizieren. Vielen Dank dafür! Liebe Grüße Maren

  2. Wow, Maren, da hast du ja wirklich flott reagiert, freut mich sehr! Ja, Integrität mag auch manchen sperrig erscheinen, aber aus den genannten Gründen passt es für mich momentan am besten. Und ich freu mich sehr, dass du etwas mit den fünf Freiheiten anfangen kannst. Virginia Satir war wirklich eine Große!

  3. Liebe Heide,

    dein Blogbeitrag kommt gerade richtig. Ich stecke gerade in einer beruflichen Situation fest, in der gegen meine Werte gehandelt wird.
    Und jetzt muss ich entscheiden, wie ich danach umgehe. Da gefällt mir der Begriff „Eigensinn“ am besten: nach meinem Sinn und mit Sinn zu handeln. Bedeutet allerdings, wenn ich mich für meinen Eigensinn entscheide, einen Teil meiner Sicherheit loszulassen.

    Liebe Grüße aus Köln

    Ulrike

  4. Liebe Ulrike, mir hilft in solchen Situationen immer der Gedanke, dass Sicherheit ohnehin eine Illusion ist … Und du kannst dich fragen, welchen Wert du höher gewichtest: Sicherheit oder Sinn?

    Liebe Grüße
    Heide

  5. Das finde ich mutig, liebe Ulrike. Und es passt zu meiner Wahrnehmung von dir. Ich hoffe, es geht dir gut mit deiner Entscheidung!
    Liebe Grüße
    Heide

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen