Heute ist ein Tag der Stille

Ich war zum ersten Mal auf einem viertägigen Riesen-Open-Air-Festival mit ca. 75.000 weiteren Menschen. Noch dazu mit Musik, die nicht wirklich meine ist. Ich war in Wacken.

Welcome MetalheadsWenn ich vorher noch flapsig sagte, dass ich auch nicht so genau wüsste, warum ich mir freiwillig 4 Tage Krach antun würde, dann hatte ich tatsächlich keinen echten Begriff davon, was genau das bedeuten würde: vier Tage mit einer ständigen Geräuschkulisse, verursacht von den vielen Menschen in der Zeltstadt um mich herum, und natürlich schallte brüllend laute Musik aus den überdimensionierten Boxen an jeder der Bühnen. Bis in den frühen Morgen spielten Bands, wurde gefeiert, getrunken, gejohlt, gepfiffen, gesungen, gebrüllt und gelacht. Eine Riesenparty und wahrscheinlich das Paradies für den echten Heavy-Metal-Fan. Der ich ja nicht bin.

(Warum ich trotzdem gefahren bin? Weil ich lustige Sachen darüber gehört hatte. Weil ich Lust auf ein Event hatte, das mich rausbringen würde aus dem Üblichen. Weil ich gerne mit netten Leuten unterwegs bin. Weil ich auch mit 50 noch Spaß an neuen Erfahrungen habe, jaja. Also aus einer Menge guter Gründe.)

Ich habe gelernt: Metalheads sind unglaublich friedliche Leute. Trotz der Masse an Menschen, der Hitze, dem Staub, der in jede Pore kroch, dem allgemein eher hohen Alkoholpegel und trotz oder vielleicht auch gerade wegen der lauten und für mein Gefühl überwiegend aggressiven Musik gehen alle nett und freundlich miteinander um. Da laufen Typen rum, mit gar schröcklichen T-Shirts und Tattoos, denen möchtest du nicht im Dunkeln begegnen, und wenn du neben ihnen im Biergarten sitzt, kommst du ganz leicht ins Gespräch, fachsimpelst vielleicht ein bisschen und tauschst Tipps und Erfahrungen aus. Wirklich wunderbar, so ein Festival, um ein paar Vorurteile über Bord zu werfen.Wacken Tower

Ich habe auch erfahren, dass es selbst in diesem Umfeld Bands gibt, die ich total klasse finde. Die sind natürlich kein echter Metal (was manche bedauern mögen), aber sie machen tolle Musik: Faun und Omnia waren großartige Entdeckungen für mich.

Von diesen positiven Erfahrungen abgesehen habe ich sehr deutlich gespürt, dass ununterbrochener Krach über vier Tage hinweg mich wirklich an meine Grenze bringt. Ich mag Menschen und bin gerne mit ihnen zusammen. Ich brauche aber auch eine Rückzugsmöglichkeit, um meine Eindrücke zu verarbeiten und mich auszuruhen. Das ist natürlich in so einem Kontext absolut unmöglich. Ich habe versucht, zwischendurch vom Infield zu gehen und mir am Zelt eine Auszeit zu genehmigen. Aber natürlich ist die Musik von den Hauptbühnen immer noch so laut, als würdest du neben einer Box sitzen. Es gibt einfach keine Ruheinseln.

Lärm betäubt mich, und auf Dauer macht er mich regelrecht wahnsinnig und gereizt. Deshalb war ich sehr, sehr froh, als ich wieder zuhause in meinem Bett lag. Himmlische Ruhe. Durchschlafen. Noch einen Tag länger, und ich wäre vermutlich nahe am Amoklauf gewesen.

Also genieße ich heute die Stille in meiner Wohnung. Kein mündlicher Kontakt. Die Kommunikation wird überwiegend schriftlich ablaufen. Keine Musik. Meine Ohren brauchen Erholung. Mein Kopf braucht ein Reset. Ich brauche die Stille, um wieder bei mir anzukommen.

Es war ein interessantes Experiment, und ich bin froh, dass ich es gewagt habe. Wacken werde ich immer mit vielen schönen Erinnerungen verbinden. Doch mir ist auch ganz klar geworden, dass ich diese Erfahrung kein zweites Mal brauche, weil Stille für mich ebenso wichtig ist wie Essen, Trinken und Schlafen. Um mich zu regenerieren, um Eindrücke zu verarbeiten, um mich wirklich zu spüren.

Heute ist ein Tag der Stille.

4 Kommentare

  1. Birgit Heintz

    Stille ist wunderbar. Aber nicht wackenös. Sprich, die gibt es dort nicht. Und schon gar nicht im Überfluss. Um so toller, dass du es riskiert hast. Ein Erlebnis wars allemal. Auch ich genieße heute die Stille. Und plane mein nächstes Wacken. 2016.

  2. Renata Steiner

    Nein, Wacken wäre nicht mein Ding. Mir reicht schon ein Abend mit Blues – und dies IST meine Musik! Aber Stille: Jaaaa, immer wieder! Alles Liebe, Renata

  3. Evelyn Kuttig

    Liebe Heide,

    den Mikrokosmos des Dorfes, einen Film über den Anfang des Festivals von einer Japanerin, habe ich mir mit Vergnügen vor Jahren im Lüneburger Programmkino angesehen:
    httpss://www.youtube.com/watch?v=uZjNhF-HPsE

    Ich finde es imponierend und köstlich, dass dieses Festival in Übereinstimmung mit allen, die dort leben, möglich ist. Deshalb habe ich vor zwei Jahren auf der Durchreise nach Dänemark einen Abstecher nach Wacken gemacht, konnte zwar nicht auf den Platz, sondern nur das Eingangsambiente fotografieren, hatte aber mit einem Anwohner ein sehr nettes Gespräch. Den Krach werde ich mir dennoch schenken. Mir genügt der Film 😉

    Liebe Grüße
    Evy

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