Zwischen Verpflichtung und Selbstverantwortung

Manchmal hält das Leben interessante Aufgaben für einen bereit – Lektionen, die zu lernen uns schwer fällt, die jedoch helfen, zukünftige Herausforderungen besser zu meistern.

Ich war gerade kürzlich in so einer Situation, in der von verschiedenen Seiten Ansprüche an mich gestellt wurden. Es gab zudem Störfaktoren, die mich immer gerade dann aus der Konzentration rissen, wenn ich angestrengt versuchte, meine Gedanken zu sammeln und fokussiert an einem Projekt zu arbeiten. Ich spürte, wie ich zunehmend gereizter wurde, weil ich das Gefühl hatte, dass all diese Anforderungen von außen kamen und ich nur reagieren konnte – ich hatte diese Situation nicht freiwillig gewählt.

Wirklich nicht?

Als ich mich eingehender mit meiner Lage und meinen Gefühlen beschäftigte, wurden mir verschiedene Dinge klar:

  • Es stimmte, dass ich einen Teil nicht frei gewählt hatte. Es ging dabei um die Unterstützung einer Freundin, die selbst gerade in einer persönlich schwierigen Lage war. Da fühlte ich mich in der Pflicht, denn ich hatte eine gewisse Verantwortung übernommen.
    Dennoch wurde mir klar, dass ich Möglichkeiten hatte, anders mit der Situation umzugehen und sie ein Stückweit so zu steuern, dass ich sie besser beherrschen konnte.
  • Mir wurde zudem deutlich, dass einige der gefühlten Ansprüche an mich tatsächlich nur das waren: gefühlt. Für mich fühlte es sich nämlich so an, als würde da von zwei Seiten an mir gezogen werden. Doch tatsächlich handelte es sich um meinen eigenen Anspruch: Ich wollte da sein für zwei Personen in meinem Umfeld, obwohl diese mir klar signalisiert hatten, dass sie das keineswegs von mir erwarteten.
  • Das bedeutete: Es lag an mir, meinen Anspruch zu ändern. Die betroffenen Personen hatten rein gar nichts damit zu tun.
    Und zuletzt konnte ich erkennen, dass die Verantwortung dafür, wie ich mich insgesamt fühle, einfach grundsätzlich bei mir liegt. Wenn ich eine Situation schlecht aushalten kann, liegt es an mir zu überlegen, was ich daran ändern kann. Mir wurde deutlich, dass niemandem geholfen ist, wenn ich die Verantwortung für mein Wohlbefinden nicht übernehme, weil ich erschöpft und ausgelaugt weder meinen Job gut machen noch Unterstützung für liebe Menschen aus meinem Umfeld leisten kann.

see-saw-339504_1280Wir tendieren oft dazu, uns Pflichten aufzubürden, insbesondere dann, wenn es sich um Beziehungen zu Menschen handelt, die uns viel bedeuten. Das können Freunde, aber auch Kunden sein. Wir wollen so gerne, dass es allen Beteiligten gut geht und reiben uns in dem Versuch auf, es allen Recht zu machen – außer uns selbst.

Falls du dich in dieser Beschreibung irgendwie wieder findest, können dir folgende Fragen helfen, etwas Abstand zu bekommen und deine Gefühle zu sortieren:

  • Welche Aufgaben habe ich mir selbst gestellt, welche werden von außen an mich herangetragen?
  • Was kann ich tun, um die selbst gestellten Aufgaben so zu bewältigen, dass ich damit zufrieden bin?
  • Wo kann ich auf die von außen kommenden Aufgaben sinnvoll Einfluss nehmen?
  • Welche inneren und äußeren Ressourcen kann ich aktivieren?
  • Wo fühle ich mich verpflichtet, obwohl niemand mich verpflichtet hat?
  • Wie kann ich selbst in stressigen Situationen „Ruheinseln“ finden?
  • Wenn ich mir die ganze Situation wie auf einer Kinoleinwand vorstelle und die handelnden Personen betrachte: Was würde ich der Hauptperson raten?

Ich denke, wir sollten in erster Linie uns selbst verpflichtet sein und diese Verantwortung ernst nehmen. Manchmal können wir äußere Umstände nicht verändern, aber unsere innere Haltung zu den Dingen schon. Und wir können gefühlte Verpflichtungen realisieren als „nicht wahr“ und uns davon freimachen. Oder im Gegenteil frei wählen, sie wahrzunehmen. Mit der freien Wahl verändert sich unsere Wahrnehmung, und die Belastung weicht oder wird zumindest geringer.

Das Geheimnis ist wohl, die Balance zu halten zwischen der Verantwortung sich selbst gegenüber und den Verpflichtungen, die man eingehen muss, aus welchen Gründen auch immer.

Wie schafft ihr das?

2 Kommentare

  1. Evelyn Kuttig

    DANKE, liebe Heide, für das Teilen Deiner Gedanken zu diesem wichtigen Thema. Ich will mir gerade auch auf den Grund gehen. Ich versuche zu trennen: Welches Tun beruht auf meinem Helfersyndrom und wo ist es anders motiviert? Dieses Bedürfnis beruht auf dem diffusen Gefühl, ausgebeutet zu werden, das mich in einem bestimmten Zusammenhang beschlichen hat. Deshalb will ich unbedingt Klarheit haben, ob das Gefühl zu Recht besteht oder ob es sich um Selbstausbeutung und Aufdrängeln meinerseits handelt. Die Motive meines Handelns klar zu sehen, scheint mir wesentlich, um dem Unwohlsein beizukommen und wieder Balance zu gewinnen.
    Liebe Grüße, Evy

  2. Heide

    Ich freu mich, wenn meine Gedanken für dich hilfreich sind und wünsche dir, dass du zu einer für dich passenden und angemessenen Lösung findest. Liebe Grüße, Heide

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