Eine Geschichte über Mut

Viele Jahre lang wusste ich mit meinem Leben nichts Rechtes anzufangen. Ich ging zur Schule und schloss mit einem ganz guten Abitursdurchschnitt ab. Nicht etwa, weil ich so viel dafür gelernt hätte. Sondern weil ich in einigen Fächern wenig Mühe hatte und die anderen damit ausgleichen konnte.

Während der Schulzeit engagierte ich mich hier und da ein bisschen sozial, ich lernte 3 Jahre lang klassische Gitarre, und ab und zu schrieb ich ein bisschen. Alles eben „ein bisschen“, nicht, weil es mich wirklich zog. Ich ließ mich treiben, auch noch zu meinem Studium.

In Marburg schrieb ich mich 1984 für Politikwissenschaft und Soziologie ein. Damit wollte ich dann später Journalistin werden. Aber das schien noch so weit weg … und ich hatte furchtbare Angst zu entdecken, dass ich eigentlich gar nicht schreiben konnte. Deshalb versuchte ich es gar nicht erst. Ich schaffte es tatsächlich, sieben Semester eingeschrieben zu sein, ohne eine einzige Seminararbeit abzugeben.

Die Zeit dieses Studiums war schrecklich für mich. Politik zu studieren, kann eine sehr trockene Angelegenheit sein. Viel theoretischer, als ich angenommen hatte, und es passte überhaupt nicht zu mir. Ich fühlte mich als komplette intellektuelle Versagerin und schmiss das Ganze – viel zu spät – schließlich hin. Was ich lernte: Ich bin keine Theoretikerin. Über Gedankengebäude zu philosophieren, liegt mir nur sehr bedingt. Am besten bin ich im Tun.

Was mich gerettet hat in dieser Zeit war das Politik machen. Ich war aktiv in der Hochschulpolitik, fand darüber Freunde, konnte mich an einigen Stellen ausprobieren und bekam positives Feedback. Ich stellte fest, dass ich ganz gut darin war, Diskussionen zu leiten, und die Führungsrolle machte mir Spaß.

Aber mit Mitte 20 stand ich noch mal ganz am Anfang. Ich hatte eine schwere Erkrankung gerade so überstanden und zog nach Düsseldorf, um Literaturübersetzen zu studieren. Das war, glaube ich, die erste bewusste Entscheidung hin zu einer Sache, die ich wirklich tun wollte. Und plötzlich öffneten sich Türen: Ich bekam sehr schnell einen coolen Job an der Uni angeboten. Meine erste Seminararbeit wurde gut benotet. Ich fand neue Freunde – dass mir das nicht gelingen könnte, war meine größte Angst. Die Erfolgserlebnisse häuften sich. Allmählich begann ich zu glauben, dass ich vielleicht doch nicht so blöd war wie ich nach dem ersten Studium angenommen hatte.

Aber ich hatte noch immer Angst. Große Angst. Ich spürte schnell, dass die Laufbahn als Übersetzerin auch noch nicht das war, was wirklich meinem Potenzial entsprach. Ganz langsam meldete sich da was – aber ich konnte es nicht fassen. Ich merkte einfach nur: Da ist mehr. Ich kann mehr. Aber wie daran kommen? Und überschätzte ich mich nicht maßlos? Was, wenn ich schon wieder versagen würde?

Ich schloss das Studium mit Auszeichnung ab. Das war nötig – ich musste mir beweisen, dass ich das wirklich konnte. Und dann ging ich für drei Monate nach Venezuela. Mein Bruder lebte damals bereits seit 6 Jahren dort, und ich fand, es war nun an der Zeit, ihn einmal zu besuchen.

Ich war 35 Jahre alt, und das war meine erste Fernreise.

Venezuela veränderte viel in meinem Leben. Ich habe das erst lange danach richtig verstanden. Dort habe ich meinen Mut gefunden. Ich war alleine mit einem einheimischen Führer im Nebelwald unterwegs. Ich setzte mich in den Llanos auf ein Pferd und ging reiten – trotz Allergie. Ich verbrachte ein paar Tage in einem Urwaldcamp am Rio Caura, natürlich gut betreut und versorgt von unseren Guides, aber untergebracht in einfachsten Hütten in der Hängematte. Ich berührte eine Anaconda und begegnete einer Vogelspinne. Und ich machte den ersten Gleitschirmflug meines Lebens.

©Rainer Sturm  / pixelio.de

©Rainer Sturm / pixelio.de

Vor allem erweiterte ich ständig meine Grenzen. Und stellte fest: das war ja möglich. Ich traute mir mit einem Mal viel mehr zu als zuvor.

Das war wirklich ein Wendepunkt in meinem Leben, und ich bin meinem Bruder noch heute zutiefst dankbar, weil er in gewisser Weise der „Geburtshelfer“ war für die Entdeckung meines Mutes.

Zurück in Deutschland legte ich eine rasante Karriere in der Unternehmenskommunikation hin – von der Assistentin der Kommunikationsabteilung zur Pressesprecherin in gut zwei Jahren. Ich bildete mich fort im Bereich Kommunikationspsychologie, und nach vier Jahren wagte ich den Sprung in die Selbstständigkeit. Ich brauchte den Mut, meinen eigenen Weg zu finden, auch wenn es lange gedauert hat, dorthin zu kommen.

„Ein bisschen“ selbstständig zu sein, ist kaum machbar. Heute bin ich mit ganzem Herzen bei dem was ich tue. Ich bin stolz auf das, was ich bisher erreicht habe, und ich habe noch viele Pläne. Manchmal werde ich dafür wieder rausmüssen aus meiner Komfortzone. Ich werde wieder allen Mut zusammennehmen müssen. Inzwischen weiß ich aber, dass ich das kann.

Gute Geschichten haben das Potenzial, anderen Menschen etwas zu vermitteln. Dafür wird heute der Begriff Storytelling bemüht. Ich erzähle meine Geschichte heute oft, weil ich damit auch anderen Menschen Mut machen möchte, ihren Weg zu gehen. Umwege sind ok. Verirren darf man sich auch. Nur aufgeben ist wirklich keine Option.

Dieser Artikel ist ein Beitrag zur Storytelling-Blogparade von Caroline Kliemt.

 

5 Kommentare

  1. Caroline Kliemt

    Liebe Heide,
    vielen Dank für diesen Beitrag zur Blogparade. Deine Geschichte erinnert mich sehr an das, was ich heute in Angelika Höckers „Business Hero“ las. Also über den „Ruf“ auf der „Heldenreise“ und wie man/frau sich ihm zunächst widersetzt. Toll, dass Du den Mut gefunden hast und jetzt auch andere darin unterstützt, mutig den eigenen Weg zu gehen.
    LG, Caroline

  2. Heide

    Danke, Caroline. Stimmt, in gewisser Weise war das auch eine Heldenreise …

  3. Martina Schäfer

    Liebe Heide,
    vielen Dank für deine wundervolle Geschichte. Ich stimme dir zu: wir sollten viel öfter unsere Komfortzone verlassen. Denn nur so können wir uns weiterentwickeln. Und im Rückblick ging dann ohnehin meist alles leichter als gedacht.
    Liebe Grüße
    Martina

  4. Heide

    Ich glaube tatsächlich, die meisten Grenzen existieren nirgends außer in unseren Köpfen. Dort können sie allerdings sehr hartnäckig sein … 😉

  5. Natalie Schnack

    Liebe Heide,

    danke für diese Geschichte! Sie hat mich an die vielen Male erinnert, in den ich meinen Mut gefunden habe, Dinge zu tun vor den ich Angst hatte oder sogar immer noch habe.
    Das tut mir gerade sehr gut 😀

    Herzliche Grüße
    Natalie

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